[ Buchtipp von ] In der blauen Stunde des Shoppings, so könnte man sagen, ist Olga Flors Roman Kollateralschaden zeitlich angesiedelt – zwischen 16.30 und 17.30 Uhr in einem Supermarkt und dessen unmittelbarer Umgebung. Um 17.18 dann ein „Selbstläufer“ – und aus unterschwelliger Hysterie und Terror-Angst wird eine Katastrophe, der Kollateralschaden.
Ein Synonym für den titelgebenden collateral damage – Begleitschaden – weist deutlicher auf den Kern dieses Romans, der in einem zügigen Tempo minutengenau die Bewusstseinsströme, Reflexionen über dem Kühlregal, Fragmente der Wahrnehmung von rund zehn Einkaufenden und teilweise auch Angestellten darstellt. Es sind vor allem private Katastrophen und Niederlagen, die den ProtagonistInnen und uns also im Kopf herumschwirren: eine rechte Politikerin (die auch verwitwete Alleinerzieherin und verliebt in einen Parteioberen ist), der halbwegs gescheiterte Journalisten, ein Rentner mit Angst vor dem Ausgang der (Krebs-?)Operation seiner Frau bzw. vor den Folgen (Pflege), oder der Obdachlosen, der gar nicht in den Supermarkt darf usw. Der Ort ist als Symbol für Grundversorgung und Vereinzelung, als Statthalter öffentlichen Raums und alltagstauglichem Luxusauftritt gut gewählt. Enttäuschungen, Abwehrhaltungen, Rückzug ins Private: aber zuvor noch das Notwendige dafür einkaufen. Zwischen den Regalen, bei der Gratis-Sekt-Verkostung oder bei der Zu- und Abfahrt wird minimal Kontakt aufgenommen, die ProtagonistInnen treten nicht zueinander in Beziehung und halten sich doch die ganze Zeit nebeneinander auf. Und wenn sie es denn doch tun wie die Politikerin und der Journalist, dann geht Selbstdarstellung auf alle Fälle vor Zivilcourage oder Anteilnahme. Und kommunikationsgestört sind alle Figuren in diesem Roman, die ein Kritiker auf faz.net
„Jelineksche Klischeecollagen“ nannte, womit wohl ein Plus und auch ein Problem des Textes zu formulieren wäre. Manches bleibt, vor allem auf der sprachlichen Ebene, zu oberflächlich, hier hätten schärfere Konturen und ein paar Klischees weniger bestimmt gut getan. Nüchtern- und Klarheit sowohl von Konstruktion als auch der funktionierenden Spannungsbögen würden umso mehr zur Geltung kommen in diesem mikrokosmischen Gesellschaftsroman.
[ Lieblingszitat ] „Ein Supermarkt ist schließlich wie der andere. Vorher aber noch ins Auto, Bild sichern, verschicken, telefonieren; und während sich Luise knapp und tonlos kommandierte, starrte ein Lehrling durch die Scheibe, nur einen Augenblick lang und ohne die beiden wahrzunehmen, ehe er von der Marktleiterin gerufen wurde.“
[ Info ] Flor, Olga: Kollateralschaden.
(original language: deutsch)
Zsolnay,
Wien, 2008
(2008).
ISBN: 978-3-552-05440-0.