![]()
[ Buchtipp von ] Ganz nahe sah sich Schiller dem „objektiven Begriff des Schönen“ und damit auch der Herleitung eines „objektiven Grundsatzes des Geschmacks“. Mit dieser „ästhetischen Erziehung“ visierte er die Idee eines „guten Lebens“ an. Doch sein System richtet sich programmatisch auf ein Individuum ohne dessen sozialen Raum näher an- wie auszudeuten. Geschmack lässt sich auf die Dauer allerdings nicht ohne die ihn prägende Gesellschaft diskutieren. Der französische Soziologe und Kulturtheoretiker Pierre Bourdieu (1930–2002) hat 1979 dieser Frage sein Hauptwerk «Die feinen Unterschiede» gewidmet. In diesem sperrigen Werk werden minutiös soziologische Daten auf den kulturellen Konsum und die damit verbundenen Wertungen in verschiedenen sozialen Schichten untersucht. Der Geschmack zeigt sich dabei als ein zentrales wie bildendes Unterscheidungsmerkmal, um sich im eigenen Lebensstil im jeweils angestrebten sozialen und damit kulturellen Um-Feld zu positionieren. „Der Geschmack bewirkt, dass man hat, was man mag, weil man mag, was man hat.“ So faszinierend genial Bourdieus komplexe Begrifflichkeit und schwieriges Theoriekonzept wirken mögen, so verwehren sie gleichzeitig auch vielen die auf Anhieb leicht verständliche Lektüre. Aber das war vielleicht schon immer so: „de gustibus non disputandum.“ Die von Schiller im ausgehenden 18. Jahrhundert beklagte „Anarchie“ bei „gänzlichem Mangel objektiver Geschmacksgesetze“ muss damit aber nicht einfach wiederkehren. Guter Geschmack kann ja auch das eigene ästhetische Unverständnis für einmal verschweigen, heikle Diskussionen somit vermeiden. Nur ist solch eine Verhaltensweise undenkbar ohne gesellschaftliche Disposition. Denn, was haben wir dabei nicht schon alles an fein differenzierenden Vorstellungen verinnerlicht oder in entsprechenden Handlungsmustern veräussert. Womit wir wieder bei Bourdieu selber wären und seinem Habitus-Konzept. „Aber wozu das jetzt“, wie Briest bei Fontane stets zu sagen pflegt. „Luise, das ist wirklich ein zu weites Feld.“
[ Lieblingszitat ] Der Kleinbürger verfügt nicht über jenes Gespür für Investitionen, das aufgrund oft ganz äusserlicher Merkmale - Name des Verlegers, des Regisseurs, des Theater- oder Konzertsaals - kulturelle Angebote "erster Wahl" auszumachen erlaubt, ganz wie bei anderen Produkten die Kenntnis bestimmter Marken oder Kaufhäuser; er läuft stets Gefahr, entweder zuviel oder zu wenig zu wissen [...] und kann nicht anders, als endlos disparate und häufig wertlose Bildungselemente zu sammeln [...] eine Kultur en miniature.
[ Info ] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede.
Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Suhrkamp,
ISBN: 978 3 518 28258 8.
Genre: Wissenschaftliche Abhandlung
Stichworte: Kunst, Bürgertum, Bildung, Gesellschaftskritik, kleine Leute, Konsumkultur, Kultur
Stil: soziologisch, wissenschaftlich
Empfohlen für: Kulturwissenschaftler, Soziologen, Studenten, Gesellschaftswissenschaftler
Sprachen (Buchtipp): Deutsch