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[ Buchtipp von ] „Geisterseher“ wirkt als Begriff leicht verstaubt, sind wir doch heute für die Anrufung von Geistern oder Toten eher gewohnt von „Spiritisten“ zu sprechen. Und wenn diese „Geisterschau“ religiöse, ekstatische Züge trägt, so wäre das wohl «Der Visionär», wie der Roman des französischen Schriftstellers Julien Green (1900–1998) im Original auch betitelt ist. Was Green hier Anfang der 1930er Jahre beginnt, ist eine beklemmende Geschichte eines in der Obhut seiner Tante lebenden, hässlichen und an Tuberkulose erkrankten Waisen namens Manuel, der sich unsterblich in deren bildschöne 14jährige Tochter Marie-Thérèse verliebt. Geradezu sadistisch von Tante wie vom Chef der „Manen“-Buchhandlung gedemütigt und von sexuellen Versuchungen geplagt, wird sein Tagebuch in Mikrogramm-Schrift das einzige „Heilmittel in Stunden der Verzweiflung“. Darin visioniert er sich in die absterbende Adelswelt eines „furchtgebietenden“ Schlosses namens „Nègreterre“. Eine Art nekrophile Zufluchtsstätte für den todessehnsüchtig Pubertierenden. Die Suche nach diesem alptraumhaften Schloss wird dann allerdings zur tödlichen Realität für Manuel. Indem Marie-Thérèse nach seinem Tod die Aufzeichnungen findet, wird die Geschichte aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erzählt und wirkt dadurch im dumpf katholischen Provinzmilieu noch gespenstischer. Denn in diesem Roman ist die Erfahrungs- und Vernunftwelt für die Lesenden derart ausgeschaltet, dass, wie es der Philosoph und Autor der «Träume eines Geistersehers» Immanuel Kant um 1780 formulierte, dann „viele Handlungen auf Rechnung der Geister geschehen“ können.
[ Lieblingszitat ] "Übrigens ist eine Dame immer bereit, gleichviel wen, und sei es den Papst zu empfangen", fügte sie mit herausfordernder Miene hinzu.
[ Info ] Green, Julien: Der Geisterseher.
Roman.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
dtv,
ISBN: 978 3 423 12137 8.
Genre: Roman
Stil: erotisch, spannend, unheimlich
Sprachen (Buchtipp): Deutsch