[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Martin Reiterer schreibt
Elias Canetti hatte sein Stück "Hochzeit" um einen einzigen Satz bzw.
Gegen-Satz herum geschrieben. Auch Mayröcker, so scheint es, schreibt
ihre Texte, ihre Bücher, um Sätze oder Satzfragmente, um einzelne Wörter
und Wortkombinationen herum. Aber freilich ist es nicht ein Satz, ein
einziges Wort, sondern viele, und jedes dieser Wörter und
Satzbruchstücke bildet verstreut und orchestriert über das ganze Buch
ein kleines magisches Zentrum. Dieser Schreibweise entspricht die
Arbeitsweise mit Zettelchen und Notizblättchen, die als vielschichtiger
Teppich das "Schreibkabinett" der Autorin bedecken, die als "gehäuftes
Wirrwarr" ihre Behausung ständig an den Rand des Chaos drängen oder die
als aufgenadelte Wegweiser durch den Schreiballtag führen und während
des Schreibens in ihrem "Schosz [...] zwitschern". Die wuchernden
Notizzettel sind Ergebnis eines pausenlosen Exzerpierens,
Herausschreibens, Notierens. Die Autorin ist exzerpierende
Lumpensammlerin, auf der Suche nach Wortfetzen, "Magie Partikelchen".
Folgerichtig, aber dennoch zum Erstaunen heißt es da: "ich lerne aus
jedem Satz den ich lese". Auf diese Art ist das Schreiben mit dem Lesen
verknüpft. Das Lesen als Fortbewegungsmittel hin zum Schreiben zeichnet
sich schließlich als gezieltes Verfahren ab: "dasz ich einen immer neuen
Zipfel herausziehe ganz fremd, herausziehe und mein Eigenes daraus mache".
[Die vollständige Rezension finden Sie im online Buchmagazin der Dokumentationsstelle für neuere österreichische
Literatur im Literaturhaus]
[ Info ] Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling.
Suhrkamp,
Frankfurt / M. 2005
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ISBN: 3-518-41709-.