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Schmatz liest Schmatz
[ Erstellt von Literaturhaus in Stein/ Krems an der Donau ]
08.11.2008 - 09.11.2008
00:00
Literaturhaus Niederösterreich, Stein an der Donau
Begleitet von befreundeten MusikerInnen liest Ferdinand Schmatz am 8. und 9. November 2008 im Literaturhaus Niederösterreich in Stein/ Krems an der Donau seinen gesamten Roman "Durchleuchtung - Ein wilder Roman aus Danja und Franz" öffentlich vor.
Dieser gewaltige Lesemarathon ist Anlass eines Lesezirkels zum Roman von Schmatz. Hier wird die Lesung mit Kommentaren begleitet und dokumentiert. Und vorallem: hier machen sich LeserInnen an die Lektüre eines der faszinierendsten Bücher der letzten Jahre, und beginnen sich über die Erfahrungen ihrer Lektüre auszutauschen.
FERDINAND SCHMATZ
Der gelernte Germanist und Philosoph ist ein Könner vieler Disziplinen. Er arbeitet in den Bereichen Gedicht, Essay, Erzählung, Roman, Hörspiel und Kritik. Das Schreiben des Autors steht in einer avantgardistischen Tradition, ohne diese jedoch eindimensional einfach fortzusetzen. Ferdinand Schmatz publiziert seit 1976, sein jüngstes Werk trägt den Titel Durchleuchtung. Ein wilder Roman aus Dunja und Franz, erschienen 2007 bei Haymon.
In einer Rezension vom März dieses Jahres schreibt Florian Neuner u.a.: Es handelt sich, wenn überhaupt, um einen Roman nach dem Ende des Romans. Denn für Schmatz gibt es kein Zurück zum reibungslosen Erzählen und den unreflektierten Realismus-Konzepten der Romane, die sich in den Buchhandlungen stapeln. »Durchleuchtung« hat seinen selbstverständlichen Ort jenseits der überkommenen narrativen Muster, dort, wo eine zeitgemäße Prosa ja eigentlich ansetzen muss.
Die musikalische Gestaltung dieses ungewöhnlichen Lesemarathons, welcher v.a. für den Autor eine große Herausforderung darstellt, bestreiten:
OSKAR AICHINGER
War u.a. Ballettkorrepetitor an der Wiener Staatsoper, gründete verschiedene Musikformationen, u.a. das Oskar Aichinger Oktett (1996); Solokonzerte sowie Kooperationen mit internationalen Künstlern, Kompositionen für verschiedene Ensembles, zahlreiche CDs und Rundfunkaufnahmen.
CORDULA BÖSZE
Flötistin und Musikvermittlerin; arbeitet gerne improvisatorisch sowie mit KomponistInnen; Livemusik zu Filmen; 2007 CD Vissage für Flöte und Elektronik gemeinsam mit Klaus Hollinetz; Soloprogramm Was macht der Wind, wenn er nicht weht?
ANNELIE GAHL
Die Geigerin zeichnet sich durch Vielseitigkeit und ihr Interesse an alter und neuer Kammermusik sowie an der Improvisation aus; solistische Auftritte ebenso wie Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen/Sparten.
WALTHER SOYKA
Spielt seit 1983 die chromatische Wiener Knopfharmonika. Innerhalb von 20 Jahren 7 CDs und über 1500 Konzerte mit Roland Neuwirths Extremschrammeln. Soyka ist Mitgründer von mittlerweile 12 Ensembles.
BEGINN: Teil 1, Sa. 11 Uhr -- Teil 2, Sa. 20 Uhr -- Teil 3, So. 11 Uhr
EINTRITT: EUR 8,- / ermäßigt EUR 6,-
Wein, Buffet & Kaffee
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[ 27.02.09 - 09:01 ] [ Kommentar von Florian Neuner ] (5) Am Stück III
Nach einer kurzen Nacht – nachdem ich am Ende des langen Tages zu erschöpft gewesen war zu untersuchen, ob man & wenn ja: in welchen Kneipen man spätnachts noch unterkommen kann in Krems, angesichts dieses dritten Teils dieser Marathonlesung als gleichsam ad finitum verlängerte Matinée: Also sind bereits 24 Stunden ins Land gegangen seit Beginn der Darbietung, als es am nächsten Vormittag weitergeht. & dann ist da ein neuer Anfang, musikalisch zunächst, & dann heißt es gleich: Franz verlernt zu sprechen. Wie? Wie soll es dann weitergehen, diesseits oder jenseits der Sprache, oder was? Das erste Wort – das war die Hand. & dann geht es doch weiter, & die Stimme von Franz ist ja nur eine Stimme in einem mehrstimmigen Gewebe. & selbst wenn diese Stimme verstummte, müßte deshalb der Text noch nicht versiegen. Dann ist die Rede vom Streitwagen der Sprache. Beim ersten Lesen war mir das komisch vorgekommen, zu dick aufgetragen vielleicht. Ich kann das rekonstruieren anhand meiner Anstreichungen, lese manche Textstrecken, Absätze mit, lasse den Blick vom Podium auf das Papier schweifen. & wieder zurück. Wach auf. Ergeht eine Aufforderung, die unterstützt wird vom Akkordeon, das gleich darauf wieder einsetzt. Ein ganzer Absatz muß wiederholt werden. Ich notiere: Seite 206. Ist das wichtig? Es ist kurz vor 12. Sonntagmittag, Glocken – die kommen aus einem Lautsprecher, die Flöte spielt dazu. Aus dem Lautsprecher kommt auch Rauschen. Haften bleibende Worte. Sich verlierende auch. Der dichterische Prozeß – nein, eben nicht. Die Verfertigung der Gedanken … nein, ein Ergebnis: Präsenz & Repräsentation. Wiederholtes Lesen eines anderen Absatzes auf einer anderen Seite. Wiederholtes Lesen des Goodman-Zitates wenig später schließlich, eines der wenigen ausgewiesenen Zitate in diesem Buch. Jemand hat ein Zeitproblem. Diese Lesung, die irgendwann im Laufe des Nachmittags an ihr Ende (= S. 300) gekommen sein wird, hat es nicht. Wer kann das beschreiben, was ich gehört habe? Man kann es immerhin nachlesen. & in dem Text ist auch, beinahe bedrohlich muß das in diesem Moment den Zuhörern des Lesemarathons vorkommen, von einem trockener & trockener werdenden Mund die Rede. Ist es schon so weit? Es gurgelte in der Kehle. Relativ häufige musikalische Unterbrechungen – zum Teil sehr kurze – in dieser Mittagsstunde, & dann ein Sonntagspaziergang in der freien Natur der Zeichen. Wörter stehen vor Franz. Erweisen sich mitunter auch als Stolpersteine. Der Begriff des Ganzen in der Kunst hinkt. Was heißt es, das Ganze dieser 300 Seiten vor sich zu haben? Vor Augen, vor Ohren. Ist das eher der Fall, wenn man sie mit Unterbrechungen liest oder wenn man sie am Stück hört? Drang nach dem Ende. Musikalische Intermezzi, eines unter Heranziehung eines Schraubenziehers. Was war hier los? Auf gut Deutsch oder Undeutsch. Die Tonlage war es. Verlangsamung der Zellen, der Gehirnzellen. Nicht aber des Sprechtempos. Sicherlich ist es um die Aufmerksamkeit nicht mehr allzu gut bestellt, sozusagen beinahe schon auf der Zielgeraden. Reicht sie aber noch hin, um eine weitere Abweichung vom Text zu bemerken – & sei es, weil da semantisch etwas ins Kraut schoß, was nicht unbemerkt bleiben konnte: seine Waden Mundzug, wo von der Formung seines wahren Mundzugs geschrieben steht. Anderes bleibt wohl unbemerkt. Ein nur aus wenigen Zeilen bestehender Abschnitt wird von zwei musikalischen Intermezzi flankiert. Wieso diese Unterscheidungen? Mikrotonale Schwebungen, von einer Violine erzeugte Töne, bis die Darbietung auf eine Mittagspause zuläuft & das Ende der Matinée erreicht ist, wenn man so will. Es ist halb zwei. & dann ist der erste Ortswechsel für den Zuhörer fällig, nimmt der Lesende doch für die nächsten Abschnitte in der Bibliothek Platz, ohne daß die Lesung diesmal in den Saal übertragen würde. Der Text greift ins Dialogische aus (Unten ist oben). Innehalten an Absätzen, immer wieder Pausen, in denen die Violine in den Dialog tritt, zwischen die Sätze. In der Kunst das Beben. Einige Male noch meldet die Violine sich zu Wort, ehe ein erneuter & dann auch: endgültiger Wechsel in den großen Saal ansteht. Umwege, auf denen der Umweg des Wortes zu einem Umweg des Wissens mutiert. Es bleibt aber wenig Zeit, darüber nachzudenken, über die Schwebungen zwischen den Varianten, denn die musikalischen Intermezzi sind sehr kurz, in denen man solchen Gedanken vielleicht nachhängen könnte. Wenn dann etwa kurz nach drei Theremin & Akkordeon wieder an der Reihe sind. Am Anfang schiebt eine Kapitelüberschrift sich dazwischen, wo das Ende doch schon absehbar ist inzwischen. (Ich bin der Erzähler.) Es geht auf halb vier zu, im Wechselspiel zwischen Flöte & Erzählstimme. Dieses Spiel ist noch nicht aus. Immer minimalistischer & kürzer sind jetzt die musikalischen Einwürfe & stehen so in prägnantem Gegensatz zu den über Stunden ausgefalteten Kapiteln, dem Fließen der Prosa. »Im ...
[ 19.01.09 - 11:20 ] [ Kommentar von Florian Neuner ] (4) Am Stück II
Inzwischen ist es dunkel, Krems abendlich ausgestorben. Zurück ins Literaturhaus. Vorbereitung auf eine lange Nacht. Kein Kaffee jetzt, sondern Riesling Steinhaus Terrasse 2007. Ich beziehe meinen Posten, setze mich wieder an denselben Tisch (warum, weiß ich nicht): Buch, Notizblock, Stift, Wein. Auch jetzt kein Publikumsandrang. 20 Minuten nach acht kommt es dann zu der Begegnung – Pokisa, Danja & Franz. So strömt es. Wird es weitere vier Stunden strömen. Ich habe jetzt eine Vorstellung von den zeitlichen Proportionen, der zeitlichen Expansion dieses drei Drittel Text. Die Struktur, das Ganze. Kann mich also darauf einstellen. Aber was heißt das? Also ein anderes Wort her. Schnell. Da ist einerseits der ruhige Lesestrom, der Zeitbach, andererseits ist er durchsetzt von Gedanken- & Assoziationssprüngen, die man als Beschleunigung erleben könnte – wenn auch nicht als eine des Sprechtempos. Betont kurze musikalische Interventionen, Perkussives, an einer Stelle Zwischenapplaus. Warum jetzt das? K für Künstler, ganz einfach. Warum nicht? Verweist das Buch auf andere Bücher, andere Codes, das Leib- & Genregister. Ist Musik dagegen nur sprachähnlich & also biegsam, lose beziehbar auf vieles, & warum nicht auf den Text. Was Pokisa in anderen Büchern liest muß für uns aber so zweifelhaft bleiben wie für Franz. Gehört werden. Zurückhören. Steuert die Lesung auf das Kapitel zu, das sich durch seinen Titel als zentral ausweist: Durchleuchtung. Werden die Protagonisten auf verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Stockwerken verortet. Der Erzähler schleust dies & das ein auf 300 Seiten. Ist das keine Veranstaltung im geläufigen Sinne, sondern ein Kommen & Gehen der wenigen, die sich im Literaturhaus aufhalten an diesem Abend, zwischendurch in anderen Räumen aufhalten, der Lesung aus der Ferne folgen oder zwischendurch nicht, über Lautsprecher. Nur ich verlasse meinen Posten nicht. Der außerordentliche Zustand. Bis in die sattesten belegten Zehenballen – fällt mir eine Abweichung vom Text auf. Es gilt das gesprochene Wort? Anscheinend, denn der Autor verbessert sich nicht. Schreibt er weiter an seinem Text? Er wollte aber den Prozess. & wir Zuhörende ja auch, andernfalls wir nicht hier wären. Erkenntnisbrei. Was sagen die Röntgenbilder? Was sagen die sprachlichen Bilder? Welcher Transfer findet statt oder findet nicht statt? Arten des Wissens. Wird die Frage aufgeworfen: Wie erschaffen mich die technisch erzeugten Bilder? (im System der Metaphern) Wird in dieser Rede gleich am ganzen Krankenbett genestelt, während sich der Text mit dem Krankenhemd begnügt. Der Kampf um den Raum begann. Repetitives dann als musikalisches Intermezzo kurz nach neun. Der Himmel, das Meer, die Donau. Die Donau fließt hier ganz in der Nähe & war doch irgendwie entrückt & nicht richtig vorhanden auf dem Spaziergang in der Dunkelheit des späten Nachmittags. Ein Theater kündigt sich an. Im Atelier, Werkstücke & Körper werden verglichen. Was bedeutet es, einen Text zu durchleuchten? Darstellung der semantischen, etymologischen Schichten & Wurzeln in einem bildgebenden Verfahren? Kann die den Text zum Klingen bringende Stimme Farben zu einem derartigen Bild bereitstellen? In einem Roman, der nicht aufhört. So schnell noch nicht aufhört, jedenfalls vor Mitternacht nicht. Einsteigen in das Gesagte. Dann wieder aussteigen. Bestandteile, Begriffe, Namen. Dann ein Schluck Wein. Der Autor zeigt keine Ermüdungserscheinungen im Herunterlesen (des Textes, vom Podium). Ich auch noch nicht. Das Stück lief wie geschmiert. Laufen auch Musikstücke wie geschmiert ab dazwischen. Treten andere Instrumente hinzu, Akkordeon, Theremin. Halb zehn. Aus, geht es weiter. Es geht weiter. Spricht der Text von der Austauschbarkeit des Kommenden. Wie also anfangen mit dem Weitermachen? Nun, einfach umblättern, es folgt das nächste Kapitel. Wir verstehen, und stehen nicht an, das zu sagen! Ich hatte diese irgendwie essayistischen Passagen in der Mitte des Buches als die im Selbstlesen schwersten in Erinnerung & staune jetzt, wie sie in mich hineinlaufen. Die Rede des Beschriebenen, ruft der Text sich abermals als zu sprechender in Erinnerung: klar Text. Jetzt reden wir mal anders, verlautet es von der Bühne der Rede herunter. Worte, die wirft man halt so in den Raum. In den Raum, in dem ich zeitweise ganz alleine sitze & in dem neben mir nur der Tontechniker permanent anwesend ist. Dann merke ich auf, als das Wort vom ******** ins Wort vom Vergessen kippt. Dann weil – kurz nach zehn – Tasten mit einem Schraubenzieher bearbeitet werden. Woraufhin einen fünfminütige Pause angekündigt wird, die doch etwas länger dauern wird. Kurz vor halb zehn Dröhnen aus den Lautsprechern, ein müder werdender Kopf. Eine Wiese im Weinland. Hier im Weinland, wo Literatur sich mit Wein verbindet, sich auch für mich jetzt als Zuhörender/Trinkender mit dem Riesling verbindet. Könnte man auch überlegen, zu welchen ...
[ 19.01.09 - 11:18 ] [ Kommentar von Florian Neuner ] (3) Am Stück I
Es ist schon 11.25 h, als die Veranstaltung beginnt, als zwar die Lesung noch nicht beginnt, aber ein musikalischer Auftakt den Marathon eröffnet. Flöte solo, gehaucht. Leise Töne, improvisiert. Kein langes Stück. Worauf der Beginn des Textes (Das Foto) an einen anderen Sinn appelliert: Schau. Der Protagonist ist kein Schriftsteller, sondern ein bildender Künstler. Wie gut erinnere ich mich an meine Lektüre? In einem Winter an der Ostsee? Ich erinnere mich daran, daß mich dieser Beginn nicht »hineinzog« in das Buch, wie man sagt, sondern eher reserviert ließ. Liese, Wiese, Blümchen – zuviel Idyllisches oder auch: Archetypisches, Klarheit der Idee. Verwischungen erst später. Aber wie wirklich? Eine erste Unterbrechung bereits auf S. 8 bzw. nach nicht einmal 10 Minuten. Musik. Machte da einer was. Warum. Folge ich dem Text mit gebremster Aufmerksamkeit, möchte ich sagen. Mit der vagen Idee, die Aufmerksamkeit nicht zu schnell aufbrauchen zu wollen, so die Aufmerksamkeitsspanne womöglich verlängern zu können. Rauschwollen. Weiß ich nicht, ob ich die musikalischen Zutaten begrüße, ob sie mich ablenken. Das war der Moment. Oder das. Inseln erhöhter Aufmerksamkeit immer wieder, Stichworte, eine Jetzt-Blase. Die ist dann aber auch schnell wieder geplatzt. Ein Notizblock auf dem Tisch & eine Kaffeetasse. Schnell geht das in hurtigen Zügen. Draußen ein grauer Tag & Passanten mit Regenschirmen. Worte, Formulierungen bleiben hängen oder ich hänge ihnen nach. Ein Zurechtrücken im Kopf. (Schnell geht das.) Ist der Protagonist schon auf dem Weg zur Durchleuchtungsstation, ist auch Danja schon ins Spiel gekommen. Ist die Rede davon gewesen, daß der Roman hofft, ein wilder zu werden. Was werden wird? Gebe ich mir Mühe, mitgetragen zu werden über die Seiten hinweg, weiter. Blicke zwischendurch ins Buch, in den Text. Dann & wann irritierende Momente, Mutmaßungen, es werde vom Text abgewichen beim Lesen. Können Ebenen gegeneinander gehalten werden: der Text (die Schrift), die Jetzt-Stimme (in mir), die Stimme auf dem Podium. Fällt mir auf, daß das Wort Namensgebung mit einer deutlichen Zäsur artikuliert wird: Namens Gebung – so, als handelte es sich um zwei Wörter. Schriftrede & Munddenken. Das, was Interpretation wäre, wenn man die Schrift als Partitur betrachten wollte. Dann irritiert das Wort Kratzverlockungen & wirft die Frage auf, ob es wohl auch so im Text steht oder ob eine Abweichung zu konstatieren ist. Was fällt mir auf, was nicht? Was irritiert in so einer Prosa (beim Hören)? Was überschreitet den Rahmen des Erwarteten hingegen nicht? Dann ist es schon kurz nach 12, dann ist Professor Pokisa ins Spiel gekommen. Dieses Zeichenfeld betrachten hieß es lesen. Was bedeutet es, es zu hören? Feld vermittelt eher die Vorstellung eines mehrdimensionalen Raums als die von Linearität. & der Text steht ja auch irgendwie im Raum & bleibt dort stehen oder verflüchtigt sich wieder, während seine Artikulation linear sich abspult. Während ich als Hörer schlittere zwischen Gesteuert- & Ungesteuertsein. Selbstauslöschung oder Selbstfindung. Das eigene Lesen setzt immer ein Maß von Aktivität & Aufmerksamkeit voraus, solange es nicht zum Erliegen kommt, unterbrochen wird. Aus der hörend-teilnehmenden Aufmerksamkeit kann ich ganz langsam & unmerklich wegtauchen oder -sacken, & der Text läuft weiter. Kann es sein, daß beinahe eine Stunde vergangen ist, als der Autor den ersten Schluck Wasser nimmt? Jetzt, da so lange gelesen worden ist, wie in einer durchschnittlichen Leseveranstaltung längstens gelesen wird, gehen die ersten Leute, kommen ja vielleicht wieder, ehe die Flöte wieder zu hören ist, leise, & viel Luft, Atem, Obertöne. Warten wir noch ein Weilchen ab. Haben wir jetzt eine Vorstellung von diesen Zeitdimensionen, da wir ein Zehntel des Textes hinter uns haben, wie wir überschlagen? Wird das was werden? Konstatieren wir, daß Unberührbarkeit als Unberührtheit sich artikulieren will, daß der Autor seinen Text lesend überschreibt, Akzente setzt & etwa eine Pause einfügt nach einem irgendwo, daß aus einem Bett ein Beet wird, & das ist doch etwas ganz & gar anderes, auch wenn es sich anders auf das Grab reimt. Singsang. Auch wenn dann von einem Trommelwirbel die Rede ist, ist es doch einmal mehr die Flöte, die dazwischentritt, ehe es ins Bett geht, in dieser Mittagsstunde. Ein Kapitel, das der Autor ja als Rede bezeichnet, wie mir jetzt auffällt. Zungendenken. Das, was im Buch steht. Das, was vorgelesen wird. Das, was ich höre. Das, was ich verstehe usf. Ohne jeden Zeit- & Raumanker. Oder weiterblättern im Buch. Passagenweise mitlesen. Auf die Uhr schauen. Aufmerken bei einem Wort & es suchen im Buch. Am Ufer des Zeitbaches. Bilder des Fließens, auch: Erzählfluß, Strom, Wildwasser vielleicht. (Metapher will ich gar nicht sagen.) So kam er nicht weiter. Eine kleine Pause, neuerliches Befüllen des Wasserglases. Es ist 13.15 h. Wir kommen ...
[ 01.12.08 - 09:24 ] [ Kommentar von Florian Neuner ] Zurüstungen
Wie man sich auf den Marathon vorbereitet, vorbereiten kann? Man kann ja nicht trainieren. Nunja, könnte man theoretisch schon, mit Hilfe von Hörbüchern. Ausgeschlafen? Geht so. Ein früher Zug aus Wien hat einen in die Wachau gebracht – ein Zug, der die lärmende Baustelle Wien-Mitte als S-Bahn mit der Destination Absdorf-Hippersdorf verlassen hatte, was zu leisem Zweifel geführt hatte, ob es sich auch um den richtigen, bis Krems verkehrenden Zug handle; keine Energie aber, im Bahnhofslärm jemanden anzusprechen, zu fragen. Der Zug mutierte dann in Absdorf-Hippersdorf tatsächlich zu einem Regionalzug & fuhr bis Krems weiter. Keine Orientierungsprobleme in der Kleinstadt, in der man seit Kindertagen nicht mehr gewesen ist, wenige Stadtbusse in verschiedene Himmelsrichtungen, der Knast als Orientierungspunkt. Jetzt gibt es also eine »Kunstmeile«, die sogar der Literatur Platz einräumt & wohl von Besuchern aus Wien lebt. Mit dem Zug kommen die freilich nicht mehr nach Hause nach einer Abendveranstaltung. Ob man in Krems problemlos Nächte durchmachen kann bis zu ersten Zügen? Man wird es diesmal nicht erfahren. Wie man sich vorbereitet hat? Ob man den »wilden Roman« noch einmal gelesen hat, vorbereitend? Nein. Mag sein aus Zeitmangel, aber doch auch aufgrund der vagen Vermutung, man hätte weniger von der Lesung bei allzu frischer Erinnerung an den Text, würde sich womöglich langweilen. Oder hätte dann etwas anderes von dem Text – etwas, was man jetzt nicht haben will. Die Lektüre liegt beinahe ein Jahr zurück & ist, auch wenn sich andere Lektüren davor- & dazwischengeschoben haben, noch nicht ganz verschüttet. An was man sich erinnern wird? Ob einem dieses & jenes »neu« vorkommen wird, weil es sich mit keiner Erinnerung an die Lektüre verknüpfen wird? Gesetzt aber den Fall, man hätte den »wilden Roman« noch gar nicht gelesen, wäre das jetzt eine ausgezeichnete oder doch eher: fragwürdige Gelegenheit, ihn kennenzulernen? Einzige auch, denn der Roman von FS zählt nicht zu jenen Büchern, die heute gleich zusammen mit ihrer Hörbuchfassung auf den Markt geworfen werden. Es handelt sich nicht um einen Text, den man hören muß, um ihn richtig zu verstehen – oder doch? Man wir das Buch zweifellos besser kennen nach dieser Veranstaltung – aber was genau heißt das? Wird das auf den Autor genauso zutreffen? Gegenüber des Knasts begibt man sich in eine selbstgewählte Klausur & wird an diesen zwei Tagen wenig herauskommen aus diesem »Unabhängigen Literaturhaus«. Man ist wild entschlossen, dieser Veranstaltung in extenso zu folgen & so seiner Chronistenpflicht gerecht zu werden – es sei denn, Umstände träten ein, die einem dies selbst beim besten Willen unmöglich machten. Man weiß: Der Roman hat ungefähr 300 Seiten, die Lesung ist in drei Teilen angesetzt, drei Beginnzeiten: 11 Uhr, 20 Uhr, noch einmal 11 Uhr. Man hat sich nicht informiert über einen genaueren Zeitplan – vielleicht, um die Veranstaltung so entspannter angehen zu können als das mit dem Wissen möglich wäre, daß einem jetzt eine Wegstrecke bis, sagen wir: 17 Uhr bevorsteht. Das Publikum drängt nicht ins Literaturhaus, ein letzter Soundcheck wird veranstaltet. FS kommt einem gutgelaunt entgegen & scheint der Herausforderung sorglos entgegenzusehen, wenn er seine Bedenken nicht überspielt. FS meint (oder gibt vor), auch nicht so genau zu wissen, wieviel Zeit das Lesen in Anspruch nehmen werde, & will es vielleicht auch gar nicht so genau wissen. Musiker finden sich ein. Ja, muß die Sache mit musikalische Einlagen noch weiter in die Länge gezogen werden, könnte man sich fragen. Aber natürlich, der Vortragende braucht Verschnaufpausen. Der Zuhörende vielleicht auch. Die Musiker werden also auch einen größeren Teil dieser Darbietung mitbekommen. Aber Musiker sind ja Spezialisten für die Langstrecke. Diese Gruppe aus Musikern & professionell mit Literatur befaßten Menschen wird also dem Ereignis beiwohnen, an einem Novemberwochenende an der Donau, das von dem Publikum gemieden wird, das sonst ins Literaturhaus strömt – aus Angst möglicherweise, in eine Falle zu tappen & dann nicht mehr herauszukommen aus dem Literaturhaus, stundenlang festzusitzen dort. Wenn eine Lesung lange dauert, dann liest ein Mensch auf einem Podium vielleicht 45 Minuten. & man könne sich ja auch kaum länger konzentrieren, heißt es dann immer. Längere Textdarbietungen nur im Theater. Es sind ja nur 300 Seiten. Die letzte Prosa-Langstrecke, die man sich angetan hat, in der üblichen Vereinzelung des Selbstlesers, Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee von Jürgen Link, hatte fast 1000 Seiten. Das wäre dann wirklich eine Überforderung. Oder sind das auch die 300 Seiten von FS? FS hat es nicht eilig. Auch nach der »akademischen« Viertelstunde geht es noch nicht los. Nun, wir haben ja Zeit. Auf was ich mich eigentlich eingelassen habe? Ich gehe noch einmal pissen & hole mir ...
[ 16.11.08 - 19:28 ] [ Kommentar von Florian Neuner ] Prosa auf der Langstrecke
Wie die Zeit vergeht … aber wie vergeht die Zeit? Wie wird das Erlebnis der vergehenden Zeit gestaltet? Wie gestalte ich es? Die Gestaltung der verrinnenden Zeit ist ein Hauptthema der Zeitkünste. Zeit wird nur erlebt, wenn sie gestaltet ist. Sonst scheint sie stehenzubleiben, wie man sagt. Oder bleibt tatsächlich stehen. Wir bleiben nicht stehen – lesend nicht & auch nicht schreibend – wenn wir linear voranschreiten & Zeilen folgen. Diesen oder auch vorgelesenen. Ernstalbrecht Stiebler, der Stücke schreibt, die selten die Dauer von ca. 30 Minuten übersteigen & mit ihnen gleichwohl die Absicht verfolgt, sie unendlich scheinen zulassen, weist darauf hin, daß es in der klassischen & romantischen Tradition kaum Einheiten gibt, die mehr als 10 Minuten in Anspruch nehmen, als Sätze von Symphonien, Suiten etc. In Schuberts C-Dur-Symphonie D 944, die Anlaß gab, von »himmlischen Längen« zu sprechen, dauern die Sätze bis zu 15 Minuten. Heute noch schrecken Pianisten – etwa der zu unrecht als Schubert-Interpret gefeierte Alfred Brendel – davor zurück, die Exposition der Klaviersonate D 960 zu wiederholen, um zu vermeiden, daß der Kopfsatz einen Zeitraum von 20 Minuten oder länger fordert. Morton Feldmans 2. Streichquartett, das mehr als 4 Stunden dauert, gilt als Extrem im Ausloten der Zeitgestaltung. Die »Langstreckensonate« von Dieter Roth hält zwar 40 Stunden Klaviermusik auf 37 Kassetten bereit – allerdings als Teil eines Objekts. Eine Aufführung der gesamten »Sonate« ist nicht intendiert. In der zeitgenössische Musik dominieren Arbeiten, die Feldman spöttisch als »twenty minute pieces« bezeichnete. Die längsten Wagner-Akte nehmen gut eineinhalb Stunden in Anspruch. Es gibt Theaterabende, die die zeitliche Expansion von Wagner-Opern erreichen. Das ist das Maximum. & ja, es gibt natürlich diese »langen Nächte«, bei denen dann ein Kommen & Gehen herrscht & niemand dem Dargebotenen in extenso folgt. Die Frage ist ohnehin: Wie lange kann man einer Darbietung konzentriert folgen? Die realistischerweise vorauszusetzenden Aufmerksamkeitsspannen reichen, wenn man den Auskünften von Fachleuten folgt, ohnehin nicht einmal für einen einzigen Wagner-Akt. Nun wird aber häufig übersehen, daß die ganz großen Brocken der Opern- & Theaterliteratur neben den einschlägigen Vorstößen der Avantgarde keineswegs den Gipfel an zeitlicher Expansion in den Zeitkünsten darstellen. Daß dies in Wahrheit die »große Prosa« ist, wird nur durch die Konventionen ihrer Rezeption verdeckt. Man liest einen Roman eben meist nicht »am Stück«. Erst dann würde einem bewußt, wie viele Stunden erforderlich sind, um der ganzen linearen Strecke zu folgen, welche die vielen Zeilen & Seiten vorschreiben. Bei ›Roman‹ denke ich natürlich an das »Konzept Roman« aus dem 19. Jahrhundert & nicht an die schmalen Bändchen der DébutantInnen von heute, denen dieses Etikett aus Vermarktungsgründen angeheftet zu werden pflegt. Roman & große Prosa bedeutet schon 300–1000 Seiten Wegstrecke. Diese Zeitkunst wird aber anders erlebt, weil ihr Rezipient insofern selbst Herr über die Zeitgestaltung bleibt, als er selbst nicht nur das Tempo der Lektüre steuert & sie willkürlich unterbrechen & wieder fortsetzen kann & wohl auch muß. & auch wenn er zum Hörbuch greift, wird er die 30 CDs »Gert Westphal liest Thomas Mann« nicht ohne Unterbrechung hören können oder wollen – so lange ist keine Autofahrt. Man könnte jetzt sagen: Wenn eine Rezeption dieser großen Prosa »am Stück« weder konventionell vorgesehen noch vom Autor intendiert ist, dann kann strenggenommen gar nicht die Rede davon sein, diese Langstrecke werde tatsächlich gestaltet. Man könnte aber auch ernst nehmen, wieviel Zeit in einer großen Prosa doch unbestreitbar »gespeichert« ist und sich dieser Erfahrung aussetzen. Die Kremser Versuchsanordnung war für mich die erste Gelegenheit, das mit allen Konsequenzen zu tun. Der Reiz wurde dadurch erhöht, daß der Autor selbst Teil dieser Anordnung war, mithin auch eine Interaktion zwischen Interpreten & Rezipienten – eine Verausgabung auf mehreren Ebenen, die ich so nicht erleben hätte können, hätte ich mir einfach im Selbstversuch eines der längeren Hörbücher angetan. Fragen tauchen auf, ob & wie lange der Autor durchhalten werde, ob & wie lange man selbst durchhalten werde. Was die Konsequenzen wären, falls nicht: Erschöpfung, Heiserkeit vielleicht, Ermüdung, Einschlafen. Klar ist von Anfang an, daß man dieser Langstrecke nicht zur Gänze & auch nicht zu größeren Teilen aufmerksam wird folgen können. & so kann man von der Frage, wie lange man einer Darbietung konzentriert wohl folgen kann, zu der möglicherweise interessanteren Frage vorstoßen, was man bei schwankender Aufmerksamkeit erlebt, wie man aus dem Strom weg- & in ihm wieder auftaucht, wie der Faden der Linearität reißt & sich wieder zusammensetzt. Wie die Echos der ...