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Die Chinesen sind weg

Die Chinesen sind weg

 

[ 22.10.2009 ]

Eigentlich war es eine überaus willkommene Abwechslung. Bei der vor einigen Tagen zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse wurde vor lauter Diskussionen über den Ehrengast China, dessen offizielle Delegation hier, die Dissidenten da, über Ein- und Ausladungen von Gästen oder kurzfristige Absagen von eigentlich nie wirklich zugesagten Redebeiträgen fast vergessen, über E-Books, Google und das Urheberrecht zu sprechen. (Naja, nicht ganz. Dazu in Kürze mehr auf diesen Seiten.)

Keine schlechte Leistung! Die größte Buchmesse der Welt kam als thematische Erfrischung daher und war insofern ein großer Erfolg, dass viel geredet wurde - wenn auch nicht unbedingt von offiziellen VertreterInnen und exilierten AutorInnen untereinander so doch über sie und über Chinas Literaturwelt.

Trotz vieler kontroverser Meldungen über die unklare Haltung der Messe zu ihrem Gast klang der Tenor in den Medien eher verständnisvoll: Einer Veranstaltung, die sich als Branchentreffen und Umschlagplatz versteht (und sei es auch für das ehrwürdige Kulturgut Buch), könnten mangelnde Stringenz und ein inhaltliches Wendehalsballett eben auch nicht angelastet werden.

Dass die Bilanz nach dem Ende der Messe zwiespältig ausfällt, lässt sich durchaus behaupten - wenn man nicht auf die Zahlen schaut. Die sprechen für sich. So konnten Mitglieder der chinesischen Delegation verkünden, dass mit 882 so viele Lizenzverträge für die Übersetzung chinesischer Bücher unterzeichnet wurden wie nie zuvor, während umgekehrt die über 220 in Frankfurt präsenten chinesischen Verlage Rechte an mehr als 1300 internationalen Titeln erwarben.

Da tut auch der ein oder andere Kniefall am Rande des chinesischen Pavillons nicht besonders weh, und am Ende kann es eventuell immer noch ein Sündenbock richten. Die Serie an Ungereimtheiten nachträglich in Peter Ripken zu personifizieren, dem Leiter des Internationalen Forums, der nach Ende der Buchmesse mit sofortiger Wirkung entlassen wurde, wirkt wie ein etwas unterkomplexer Lösungsansatz. Aber dafür klingt die Begründung für diesen Schritt - "die Konsequenzen aus anhaltenden Abstimmungsschwierigkeiten im Zusammenhang mit dem diesjährigen Ehrengastland" - nach feinstem Offizielle-Delegation-Sprech.

Ob wohl solche Annäherung gemeint war, als Claudio Magris, der auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, Europa dazu aufrief, sich selbst in Frage zu stellen und den Dialog mit anderen Kulturen zu suchen? In seiner Dankesrede zitierte Magris auch Bertolt Brecht: "Ändere die Welt, sie braucht es."


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