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Iman Mersals Poesie - eine Brücke zwischen den Kulturen?
[ 05.11.2009 ]
Die hebräische Übersetzung der Gedichtsammlung "Jughrafiya Badila" ("Alternative Geografie", 2006) der ägyptischen Lyrikerin Iman Mersal wurde in Kairo zu einem regelrechten literarischen Ereignis. Die Tageszeitung Al-Masri as-Youm brachte auf ihren Kulturseiten einen Aufmacher über die hebräische Fassung des Buches, geschrieben vom Israelkorrespondenten des Blattes, Mohamed Aboud. Übersetzt wurde Mersals Buch von Sasson Somekh, Professor an der Universität Tel Aviv und Autor zahlreicher Studien über arabische Literatur.
Iman Mersal wurde 1966 in einem Dorf im nördlichen Nildelta geboren. Nach ihrem Universitätsabschluss arbeitete sie in Kairo für Bint al-Ard (Tochter der Erde), eine unabhängige feministische Literaturzeitschrift, und veröffentlichte Artikel über die Situation der Frauen im Islam. Im Jahr 1990 erschien ihre erste Lyriksammlung.
"Alternative Geografie", ihr vierter und jüngster Gedichtband, wurde sowohl in Ägypten als auch im Ausland begeistert aufgenommen. In diesem Werk entfaltet sich ihre Poesie wiederum in der einzigartigen Struktur ihrer freien Verse, die an keine Rhythmik oder Metrik gebunden sind und mit überraschenden Analogien und Bildern arbeiten. Auch wenn Mersals Gedichte wiederholt die Lage von Frauen in Ägypten verhandeln, enthalten sie sich politischer und ideologischer Stellungnahmen. Das zentrale Thema der Gedichtsammlung ist das Verhältnis von Exil und Heimat: Mersal hat Ägypten vor einem Jahrzehnt verlassen und lebt derzeit in Kanada.
Im Interview mit Al-Masri as-Youm erklärte die Dichterin, dass Sasson Somekh das Buch auf eigene Initiative übersetzt habe, sie allerdings um Zustimmung fragte, bevor es in Druck ging. "Als Somekh mir von seinem Vorhaben erzählte, habe ich das nicht abgelehnt. Ich denke es ist das Recht einer Sprache, und zwar jeder Sprache, alles Erdenkliche in sie zu übersetzen und ihren Lesern zugänglich zu machen." Ist es wirklich das "Recht einer Sprache", oder war dies eine versteckte politische Stellungnahme der Dichterin, verdeutlicht durch die Tatsache, dass sie im Exil lebt?
Zwei ägyptische Dichter wurden aufgefordert, sich zur hebräischen Übersetzung zu äußern. Der Eine, Yasser Shaaban, nahm einen ablehnenden Standpunkt ein, nicht ohne hinzuzufügen, dass die israelische Leserschaft sowieso eingeschränkt sei. Der Andere, Mahmoud Khairalla, äußerte sich etwas wohlwollender; Iman Mersal sei eine der besten Prosa-Dichterinnen, und die hebräische Übersetzung ihres Buches markiere einen großen Fortschritt für Ägyptens Lyrik in freien Versen.
In Israel wurde die Übersetzung zugleich enthusiastisch gefeiert. So schrieb etwa der Kritiker Nissim Calderon in der Tageszeitung Haaretz, dass hiermit "die ägyptische Schwester von Szymborska [dem polnischen Literaturnobelpreisträger]" gefunden sei. Auch Mohamed Aboud rezensierte die Übersetzung und stellte fest, dass sie es schaffe, die ästhetischen Qualitäten der arabischen Originalfassung zu bewahren.
Kürzlich veröffentlichte die Zeitung in einer wöchentlichen Beilage einen weiteren Artikel über die Kontroverse um Iman Mersal. Darin wurden mehrere bekannte ägyptische Autoren zitiert, die Übersetzungen aus dem Hebräischen ins Arabische und umgekehrt auf die eine oder andere Weise unterstützten. Der berühmte Erzähler Ibrahim Aslan verwies auf seine Freundschaft mit Mersal und seine Bewunderung für ihr Werk und meinte, sie sollte nicht dafür verurteilt werden, die Erlaubnis für das Erscheinen ihrer Bücher in Israel gegeben zu haben. Nabil Abdel Fatah hingegen forderte explizit mehr Übersetzungen hebräischer Literatur ins Arabische und fügte hinzu, dass es Israel gestattet sei, so viel arabische und ägyptische Literatur zu übersetzen, wie es möchte. Laut Fatah seien solche Übersetzungen nicht Teil der sogenannten "Normalisierung"; ein Begriff, der in der ägyptischen Diskussion über die Beziehungen zu Israel immer noch wie eine rote Flagge wirkt.
In diesem Zusammenhang ist es überraschend, die Meinung von Dr. Jaber Asfour zur Kenntnis zu nehmen, dem Zuständigen für Übersetzungsangelegenheiten im Kulturministerium, der feststellte, dass es für arabische Autoren besser wäre, ohne eigene Zustimmung ins Hebräische übertragen zu werden. Autoren sollten keine Beziehungen zu Israel aufrecht erhalten, erklärte Asfour, und auch keine Übersetzungserlaubnis erteilen.
Es scheint also, als würde hier nicht gemeinsam an einem Strang gezogen, sondern in zwei entgegengesetzte Richtungen. Zum einen wird Literatur als Brücke zwischen den Kulturen anerkannt, andererseits werden Übersetzungsrechte als politische Waffen in zwischenstaatlichen Beziehungen eingesetzt.
Sagy Maayan, Jerusalem