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Kannst du mir das onleihen?

Kannst du mir das onleihen?

 

[ 03.12.2009 ]

Das "Medium der Woche" kommt aktuell aus dem ZYX Music Verlag: "Mit 'Jazzy Christmas' können Sie klassische Weihnachtslieder in ihrer Jazz-Variante genießen." So ist es im Onleihe-Blog zu lesen, dessen Empfehlungen immer topaktuell sind und genau zum jeweiligen Zeitgeist passen. Vor ein paar Wochen war etwa Nobelpreisträgerin Herta Müller mit "Atemschaukel" an der Reihe. Aber zugegeben, normalerweise ist beim Medium der Woche für den erlesenen Literaturgeschmack eher selten was dabei.

Muss auch nicht unbedingt. Schließlich ist das Sortiment der Onleihe noch im Wachsen begriffen und richtet sich bewusst an ein möglichst breites Publikum. Die Onleihe ist eine Initiative von öffentlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die Teile ihres Katalogs auch digital verfügbar machen. Mitte 2007 mit zehn Bibliotheken gestartet, gibt es in Deutschland und der Schweiz mittlerweile über 130 Einrichtungen, die über eine von der DiViBib GmbH bereitgestellte Plattform die Möglichkeit zum digitalen Ausleihen anbieten.

Im Grunde funktioniert dort das "Onleihen" von Büchern, wie man es auch sonst gewohnt ist. Man durchforstet am (eigenen) Computer-Terminal den Katalog der (digitalen) Bibliothek nach dem gewünschten Titel - egal ob Buch, Zeitschrift, Hörbuch, Film oder Musik -, wird hoffentlich fündig und bestellt ihn. Dann wird es, wie in der "richtigen" Bibliothek zwischen den Regalen auch, spannend. Denn - Überraschung - auch beim digitalen Ausleihen sind nicht unbegrenzt viele Exemplare eines Titels vorrätig, sondern meist nur ein einziger. Wenn der gerade digital anderweitig verliehen ist, muss man eben warten.

Da die Rechteinhaber meist nur eine Lizenz pro Buch vergeben beziehungsweise Bibliotheken nur eine kaufen, gibt es selbst im digitalen Wunderland nicht endlos viele, ständig verfügbare Kopien. Und selbst wenn der Titel sofort zu haben ist, kann es unter Umständen noch ein bisschen dauern, bis er aus dem Magazin geholt wird: Experten nennen diese Wartephase die Download-Zeit.

Zurückgeben muss man das (E-)Buch natürlich auch. Aber das geht so einfach, dass selbst notorisch vergesslichen Zeitgenossen keine Mahngebühren drohen. Nach einer festgelegten Zeit (meistens nach einer Woche) gibt sich das Buch automatisch selbst zurück. Die Datei lässt sich dann, gesteuert über Digital Rights Management (DRM), einfach nicht mehr öffnen und kann gelöscht werden.

Klingt nach einem gratis Literaturschlaraffenland. Aber es gibt Einschränkungen. Erste Voraussetzung ist ein gültiger Ausweis der jeweiligen Bibliothek. Es kann also nicht jeder überall alles ausleihen. Der zentrale Kritikpunkt richtet sich jedoch gegen die Zuschneidung des Medienangebots auf proprietäre Dateiformate von Microsoft, weshalb die Onleihe auf manchen anderen Betriebssystemen nicht genutzt werden kann, sowie gegen das DRM. Letzteres allerdings ist in dem Fall Voraussetzung, sonst müsste man statt von Verleihe eher von Verschenken oder von kompletter Freigabe sprechen.

Freunde hochgeistigen Literaturgenusses bekritteln schließlich, dass man im Katalog zwar Xmas-Jazz, aber kaum experimentelle Lyrik findet. Aber den neuen Krimibestseller und den Thailand-Reiseführer für die Weihnachtsferien gibt es bestimmt. Wenn er nicht schon von jemand anderem ongeliehen wurde.


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