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Droht die Endlösung für das P-Buch?

Droht die Endlösung für das P-Buch?

 

[ 10.12.2009 ]

Wenn alles Neue des Teufels ist, dann muss technischer Fortschritt mindestens ein SS-Trupp sein. Eine einfache Rechnung, aus dem Einmaleins des Kulturpessimismus in Sekundenbruchteilen abzuleiten und jedem absolut einsichtig, der schon angesichts eines mäßig gebrühten Frühstückskaffees mit einem locker aus der Hüfte geschossenen Hitler-Vergleich zur Hand ist.

Eine ähnlich einfache Rechnung liegt der Feststellung zugrunde, dass der stetig wachsende Online-Handel dem Geschäft des kleinen Ladens an der Ecke nicht unbedingt förderlich ist. Da braucht man auch nur eins und eins zusammenzählen. Das ist schön monokausal und unidirektional, so versteht man die immer noch ein bisschen komplizierter werdende Welt endlich mal wieder.

Von einer Pest zu sprechen, mag noch angehen, wenn die Lieblingsbuchhandlungen nacheinander aufgrund der veränderten Marktlage zusperren. Kaufen ja alle nur mehr im Netz oder - schlimmer noch - ausschließlich digitale Ware. Und das Abend- und das Morgenland gehen unwiderruflich daran zugrunde. Der große Abgesang auf die gesamte menschliche Kultur wird angesichts des Aufkommens von E-Büchern so routiniert angestimmt wie einst schon bei der Erfindung des Telefons oder des Fernsehers.

Ziemlich seltsam bis hochgradig geschichtsverzerrend wird es allerdings, wenn die Digitalisierung von Büchern mit der Deportation von Juden im Dritten Reich gleichgesetzt wird ("massive deportation of literary texts"), Vergleiche mit der Reichskristallnacht gezogen werden ("a silent corporate Krystallnacht decimating the world of literacy)" und ein regelrechter Bücherholocaust herbeigeredt wird. So wie von Alan Kaufman in einem kürzlich erschienenen Essay.

"Der Jude is now Der Book", schreibt der New Yorker Autor und Sohn eines Holocaustüberlebenden in der 120. Ausgabe des - kleine Ironie am Rande - Online-Magazins Evergreen Review. Der Text ist mit dem Titel "Die elektronische Bücherverbrennung" überschrieben, kämpft für Bücher aus Papier, verdammt Internet und Hi-Tech-Pogrome und schließt mit der Feststellung, dass die Überführung von Texten in elektronische Form der Ausrottung der gesamten Menschheit gleichkomme.

Mit dieser Provokation hat Kaufman seiner Sache, der Verteidigung des P-Buchs als heiligem Kulturtempel, der niemals einstürzen dürfe, bestimmt keinen Gefallen getan. Aber scheinbar ist er irgendwo doch erhört worden. Und zwar ausgerechnet von Amazon. Nach einem Bericht der englischen Sunday Times kursieren derzeit Gerüchte, wonach der Online-Handelsriese sich aktuell nach Immobilien in britischen Innenstädten umsieht, um dort richtige analoge Geschäfte zu eröffnen, aus Fleisch und Blut und Papier sozusagen.

Amazon dementierte die Meldung der Times umgehend, doch eine Mischkalkulation aus Online- und Offline-Shopping scheint für Großhändler zunehmend attraktiver zu werden (so wie für den kleinen Laden an der Ecke eben auch). Daher kann man sich Amazon-Shops inzwischen gut vorstellen, freilich im Stile des Gemischtwarenladens, der Amazon im Internet längst geworden ist und der neben vielen P-Büchern und CDs auch allerlei Consumer Electronics ins Regal stellt - und nicht zuletzt den aktuellen Bestseller des Ladens: den Kindle. Manche sagen E-Reader dazu, andere vielleicht Endlösung.


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