A propos de Verena Mock
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Nom: Verena Mock
Langue: Allemand
Ville: Emmenbrücke
Pays: CHE
Nombre de livres: 10
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[ Recommandation de Verena Mock ] Ein Roman wie ein Grabmal, zum Andenken an einen geliebten Verstorbenen. Ein solches Buch schreibt Galip, der Anwalt, dessen Frau Rüya eines Tages ohne jede Vorankündigung verschwindet. Nach einigen Wochen findet er sie ermordet – zusammen mit dem bekannten Journalisten Celal Salik, einem Cousin. Das „Schwarze Buch“ enthält seine Erinnerungen an die beiden – die Farbe bedeutet Trauer und Schmerz, spielt aber auch auf die Zensur im Militärstaat an, die unerwünschte Textpassagen schwarz überdrucken lässt.
Während sich der Held Galip mit seinem Schreiben vor allem tröstet, geht es dem Autor um mehr. Im Zentrum steht der populäre Kolumnist einer Zeitung im Militärstaat Türkei, der seit mehreren Jahrzehnten fast täglich seine Essays publiziert. Er hat unzählige treue Leser in allen Bevölkerungsschichten. Als verlässliche Instanz, die alle politischen Umbrüche überlebt, wird er für seine unterhaltenden, ausufernden, belehrenden, aber tiefsinnigen und auf versteckte Weise kritischen Betrachtungen geliebt. Sekten, die einen neuen „Mahdi“ erwarten, lesen ihn wie einen Propheten. Bis er – zeitgleich mit Rüya – verschwindet. Wie Galip herausfindet, litt Celal an Gedächtnisverlust und bat daher seine Schwester Rüya, seine Geschichten aufzuschreiben. Galip setzt auf seine Weise das Werk des bewunderten Cousins fort – er schreibt Artikel im Stile Celals und publiziert sie unter dessen Namen. Bis der Kolumnist umgebracht wird. (Als Mörder kommen der Geheimdienst, ferner fanatische und enttäuschte Leser in Frage, auch Galip selber - aber kaum der arme Barbier, der unter Folter gesteht und offiziell als Mörder angeklagt wird. Eines der schwärzesten Kapitel im Roman: die Polizei.)
Pamuks Roman ist vielleicht weniger ein „türkischer Krimi“ als eine Hommage an einen ermordeten Journalisten. Wie in andern Werken reflektiert Pamuk auch hier die Rolle der Literatur in der gegenwärtigen türkischen Gesellschaft – in „Schnee“ geht es um Gedichte, hier um die Kolumne. Eines der schönsten und lustigsten Kapitel finde ich „Die drei Musketiere“ – es enthält eine Poetik der Kolumne. Der Erzähler schiebt nach jedem Kapitel einen Artikel Saliks ein, so dass wir den Star sozusagen im Original geniessen können. Auch „Die drei Musketiere“ ist eine Kolumne Saliks. Zum Geniessen sind sie – solche Kolumnen kenne ich aus deutschsprachigen Zeitungen nicht. 9 Taschenbuchseiten lang, voller Anspielungen auf Filme, geistliche und weltliche Bücher, kulturhistorische Exkurse nach jedem dritten Satz. Im Ton sehr persönlich, aber ironisch. Ein Ereignis aus der Gegenwart dient als Aufhänger, aber dann geht es sofort ab in die blühenden „Gärten des Gedächtnisses“. Was vor zwanzig, dreissig Jahren geschah in einem Bahnhofbuffet irgendwo in Anatolien. Oder vor 200 Jahren beim Sultan Soundso. Lustvoll werden Details ausgemalt. Schlussfolgerungen für die Gegenwart sind Sache des Lesers. Symbole, Märchen, Anekdoten, Witze, Gleichnisse und Verweise auf frühere Kolumnen – alle Möglichkeiten der Poesie werden genutzt – wie schon immer in der Literatur, die mit der Zensur leben muss. Die Kolumnisten vergleicht Salik mit Musketieren, „Federkrieger“, die einander eifersüchtig (Mass: Anzahl Leserbriefe pro Tag!) beobachten und bekämpfen.
Mit der Figur des Anwaltes Galip zeigt Pamuk einen der Anhänger des Kolumnisten. Was, so fragt man sich irgendwann, macht diesen Salik für ihn zu einer moralischen und politischen Instanz? Denn mit den Augen der Mächtigen gesehen schreibt Salik „unpolitischen, ganz persönlichen Unsinn“, und zwar „auf unmoderne Art und in einem langatmigen Stil, den keiner lesen konnte“ (der Staatsanwalt, S. 494). Wichtig für Galip sind die Themen, die in immer neuen Motiven und Geschichten die Leitmelodie von Saliks Kolumnen bilden, und in denen Galip seine Lebensfragen erkennt. Eines dieser Leitmotive ist die Suche nach Identität, das schmerzhafte und beschämende Gefühl, nicht sich selbst sein zu können. Pamuk schildert es als kollektives Leiden der türkischen Gesellschaft, immer die westeuropäische Kultur nachahmen zu müssen – unvergesslich verkörpert in der Geschichte vom Meister Bedii, Hersteller türkischer Schaufensterpuppen, der diese Istanbuls boomenden Kleiderläden nicht verkaufen konnte, weil sie zu türkisch aussahen, und mit seinen Puppen in den Untergrund ging...
„Gibt es wohl einen Weg für den Menschen, ganz er selbst zu sein?“ – die Frage ist in der deutschsprachigen Literatur nicht neu. Doch bei Pamuk gewinnt das Thema Identitätssuche ganz andere Aspekte, ist viel politischer. „Niemand in diesem Lande kann er selbst sein!“ (426) Spannend, wie er es mit der Folterpraxis verbindet: der Held erkennt auf den Gesichtern gefolterter Menschen, die ihm die Polizei zur Identifizierung vorlegt, einen „Ich-bin-nicht-vorhanden“ oder „Ich-bin-sowieso-jemand-anders“-Ausdruck. Ein Ausdruck, „der Trauer und Furcht überdeckte, als hätten sie alle das Geheimnis auf dem Grunde ihres Gedächtnisses vergessen und suchten nicht danach, weil sie’s vergessen hatten, als wollten sie dieses geheime Wissen auslöschen und es unwiederbringlich in einen bodenlosen Brunnen versenken.“ (492)
[ Citation préférée ] „Nachdem er, durch den ekelhaften, tropfenweise einsetzenden Regen ziemlich durchnässt, mit Drängeln und Stossen in das Sammeltaxi eingestiegen war und schliesslich begriffen hatte, dass sich in dem nach feuchten Polstern und Zigaretten stinkenden Fahrzeug kein Gespräch entwickeln würde, faltete Galip wie ein wirklich Süchtiger mit Sorgfalt und Vergnügen die Zeitung auf ein so kleines Format zusammen, dass er nur die Kolumne auf der zweiten Seite lesen konnte, blickte einmal zerstreut aus dem Fenster und begann, Celâls heutigen Artikel zu lesen.“ (22)
[ Info ] Pamuk, Orhan: Das schwarze Buch.
(Langue du livre: Deutsch)
Fischer Taschenbuch,
Frankfurt am Main, 1997
(1991).
ISBN: 978-3-596-12992-8.
Traduit de dem Türkischen
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