Über Beat Mazenauer
- Leserprofil
Name: Beat Mazenauer
Sprache: Deutsch
Stadt: Luzern
Land: CHE
Bücher: 131
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[ Buchtipp von Beat Mazenauer ] Der Hinweis im Vorspann des Buches ist unzweideutig ernst zu nehmen: „Die folgenden Geschichten haben einen realen Hintergrund.“ Der in Leningrad geborene, mit fünf Jahren nach Israel emigrierte und seit 1981 in Österreich lebende Vladimir Vertlib ist ein literarischer Chronist.
Literatur braucht nichts zu erfinden, die wildesten Geschichten sind bereits geschehen. Vertlib dokumentiert drei davon in diesem Buch. Er unterwirft sich den zugetragenen Lebensgeschichten und gestaltet sie literarisch neu. Auch wenn sie realen Reportagen gleichen, „sind viele der beschriebenen Ereignisse frei erfunden oder haben sich in der Realität etwas anders zugetragen.“ So erzeugt Vertlib in seinen Texten eine schwebende Balance zwischen tatsächlichem Geschehen und poetischer Verdichtung, zugleich auch zwischen Ernst und Ironie.
Zu Beginn der Titelgeschichte wird der Erzähler zu seinem „ersten Mörder“ eingeladen: Leopold Ableitinger, 42, hat einen dumpfen Schnösel, der ihn grundlos beschimpfte, im Affekt umgebracht, dass es einem beim Lesen beinahe wohl ums Herz wird. Dem Arsch recht geschehen! Der Erzähler aber möchte mehr erfahren, da beginnt Ableitinger ein Erlebnis von früher, nach dem Krieg, von seinem Vater zu erzählen...
Vladimir Vertlib hat eine diskret beharrliche Art, seine Figuren zum Reden zu bringen und sie so als Menschen im Räderwerk der Geschichte zu porträtieren. Seine Erzählungen wirken vermeintlich leicht und mundgerecht verfasst – bei näherem Besehen offenbaren sie aber eine subtile Dramaturgie und hohe sprachliche Fertigkeit. Die Schrecken kommen mit böser Unverblümtheit und Alltäglichkeit daher, die heile Haut ist dünn, und irgendwann sickert das Geheimnis ins Bewusstsein durch.
Die letzte der drei Lebensgeschichten erzählt die Wirrungen von zwei Freunden, die anfangs der 1940er gemeinsam aus Deutschland fliehen, um sich dem Militärdienst zu entziehen und dennoch in zwei verschiedenen Armeen landen. Beide überleben unter Entbehrungen. Der eine, der Maler Robert Hamminger, erzählt davon dem Erzähler Jahrzehnte später, mit der vordergründigen Gelassenheit aus historischer Distanz. Diese Distanz macht Vertlibs Geschichte leicht, ohne dass die Schwere der Erinnerung darob verloren geht. Vertlibs Lebensgeschichten konfrontieren nochmals – und immer wieder neu – mit der grauslichen Geschichte Europas, die Vertreibung, Krieg und die systematische Ermordung von Millionen Menschen beinhaltet.
[ Lieblingszitat ] "Aber Herr Hamminger“, fügt er hinzu, „Sie sind doch überzeugt, dass wir nur unsere Pflicht erfüllen!“
„Mein Gott“, antwortet dieser, „Millionen haben ihre Pflicht erfüllt
[ Info ] Vertlib, Vladimir: Mein erster Mörder.
Lebensgeschichten.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Deuticke,
Wien, 2006
.
ISBN: 978-3-552-06031-9.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: Vertreibung, Gewalt, Geschichte, Faschismus, Biographie, Antisemitismus
Stil: ironisch
Empfohlen für: Geschichtsinteressierte
Sprachen (Buchtipp): Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Arabisch, Dänisch, Hebräisch, Tschechisch, Ungarisch, Slowenisch
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